ROSENgeschichten

Heideröslein
Sah ein Knab‘ ein Röslein stehn,
Röslein auf der Heiden,
war so jung und morgenschön,
lief er schnell, es nah zu sehn,
sah‘s mit vielen Freuden.
Röslein, Röslein, Röslein rot, Röslein auf der Heiden.
Knabe sprach: Ich breche dich,
Röslein auf der Heiden!
Röslein sprach: Ich steche dich,
daß du ewig denkst an mich,
und ich will‘s nicht leiden.
Röslein, Röslein, Röslein rot, Röslein auf der Heiden.
Und der wilde Knabe brach ,s
Röslein auf der Heiden;
Röslein wehrte sich und stach,
half ihm doch kein Weh und Ach,
mußt‘ es eben leiden.
Röslein, Röslein, Röslein rot, Röslein auf der Heiden.

Johann Wolfgang von Goethe

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Als Allerschönste bist du anerkannt,
Bist Königin des Blumenreichs genannt;
Unwidersprechlich allgemeines Zeugnis,
Streitsucht verbannend, wundersam Ereignis!
Du bist es also, bist kein bloßer Schein,
In dir trifft Schaun und Glauben überein;
Doch Forschung strebt und ringt, ermüdend nie,
Nach dem Gesetz, dem Grund Warum und Wie.

Johann Wolfgang von Goethe

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An die Rose
Ewig trägt im Mutterschoße,
Süße Königin der Flur,
Dich und mich die stille, große
Allbelebende Natur.
Röschen! unser Schmuck veraltet,
Sturm entblättert dich und mich;
Doch der ew‘ge Keim entfaltet
Bald zu neuer Blüte sich.

Friedrich Hölderlin


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Siehe, die Rosen im Garten
Öffnen sich alle dem Licht
Seele, meine Seele
Zögere du nicht.

Matthias Claudius

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Als sich die Rose erhob, die Bürde
ihres Blühens und Duftens zu tragen
mit Lust:
hat sie, daß es der letzte sein würde
von ihren Tagen,
noch nichts gewußt.
Nur, daß sie glühnder noch werden müßte,
reiner und seliger hingegeben
dem Licht
spürte sie - ach, daß zum Tode sich rüste
so wildes Leben,
bedachte sie nicht.
Als dann am Abend mit Mühe der Stengel
ihre hingeatmete Süße
noch trug,
hauchte sie, fallend dem kühlen Engel
welk vor die Füße:
„War es genug?”

Eugen Roth

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Meine Rosen
Ja! Mein Glück - es will beglücken -
lles Glück will ja beglücken!
Wollt ihr meine Rosen pflücken?
Müßt euch bücken und verstecken
zwischen Fels und Dornenhecken,
oft die Fingerchen euch lecken!
Denn mein Glück - es liebt das Necken!
Denn mein Glück - es liebt die Tücken! -
Wollt ihr meine Rosen pflücken?

Friedrich Nietzsche (1844-1900)

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Im Garten des Herrn Ming
Im stillen Gartenreiche
des alten Gärtners Ming,
da schwimmt in einem Teiche
ein Wasserrosending.

Den alten Ming in China
entzückt sie ungemein,
er nennt sie Catharina,
chinesisch: Ka-Ta-Rain.

Mit einer Pluderhose
und sehr verliebtem Sinn
geht er zu seiner Rose
am Rand des Teiches hin.

Er singt ein Lied und fächelt
der Rose Kühlung zu.
Die Rose aber lächelt
nur für den Goldfisch Wu ....

James Krüss